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Na, wie war`s ?
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für die Zeitschrift 'positionen Nr. 127'
Februar 2021
Na, wie war`s ?
Die DDR hatte 17 Millionen Einwohner, es gab 76 professionelle Orchester. Allein auf der Fläche des heutigen Landes Brandenburg existierten fünf Bühnen mit einem eigenen Opernensemble. Die Hauptstadt hatte bei 1 Million Einwohner 2 Opernhäuser und insgesamt 4 Spitzenorchester.
Neues gab es auch. Es hatte sich zu positionieren zwischen SOZIALISTISCHEM REALISMUS, also einem gemäßigt modernen, leicht faßlichen, volkstümlichen Stil, und künstlerisch-kritischem Arbeiten, das auch formal ungewohnte Wege geht und Fragen an den REALEN SOZIALISMUS stellt. Alle, denen die ideologischen LEITLINIEN zu flach waren, fanden in der Kunst ihre NISCHEN. In der Neuen Musik waren das Veranstaltungen wie 'Kammermusik im Gespräch' mit Siegfried Matthus an der Komischen Oper Berlin, der einmal auch Maurizio Kagel und sein Werk auf der großen Bühne präsentierte. Ein anderer guter Ort für Neue Musik war das 'Theater im Palast' - eine mit mobiler Bühnentechnik aus dem Westen nachträglich in ein Foyer des Palastes der Republik eingebaute Spielstätte. Die Gruppe Neue Musik 'Hanns Eisler' aus Leipzig mit Friedrich Schenker war dort regelmäßig zu Gast, einmal auch das Freiburger Studio, und Luigi Nono. Oder die Reihe 'Kontakte' - elektroakustische Musik in der Akademie der Künste mit Georg Katzer, darin im November 1988 die Aufführung von Stockhausens „Mantra“ mit den Pianisten Susanne Stelzenbach und Thomas Just und mir als „Elektroniker'. Viele junge Besucher, volles Haus. Es ließe sich von vielen weiteren beeindruckenden Aufführungen berichten... Stattdessen jedoch ein frühes SCHLÜSSELERLEBNIS: Als Studienanfänger 1968 hörte ich an der Musikhochschule 'Hanns Eisler' Berlin erstmals ein Stück von Karlheinz Stockhausen, den 'Gesang der Jünglinge im Feuerofen'. Allerdings nicht im normalen Lehrbetrieb, sondern in einer Sonderveranstaltung. Wir wurden in den Hörsaal gerufen, um anhand eben jenes Stückes die Dekadenz der Musik in der BRD bewiesen zu bekommen. Das hat bei mir nicht funktioniert. Ich fand das Stück sehr aufregend und völlig anders als alles bis dahin gehörte. An die seinerzeit vermutlich auch vorgespielten, vom sozialistischen Aufbau kündenden Werke entsinne ich mich nicht mehr. Mein Weg als Komponist begann erst 10 Jahre später, doch eine SPUR war gelegt. 10 Jahre später war ich Meisterschüler an der Akademie der Künste der DDR bei Ruth Zechlin. Sie machte mich mit Boulez`'Musikdenken heute' oder Stockhausens 'Texte zur Musik' vertraut. Wichtige ORIENTIERUNG gab mir auch die bis heute unübertroffene Kompositionslehre 'introduction to composition' von Bogusław Schäffer, einem Protagonisten der Polnischen Schule, die ich mir von einem Besuch des Festivals 'Warschauer Herbst' mitbrachte. Allein die umfassenden Partiturbeispiele darin waren von unschätzbarem Wert, denn die Noten waren in der DDR nicht zu haben. Meine Leitsterne in der Nähe hießen Paul-Heinz Dittrich, Friedrich Goldmann, Friedrich Schenker, Reiner Bredemeyer und Georg Katzer, bei dem ich noch ein zusätzliches Jahr als Meisterschüler verbringen durfte. --- Nach dem Ende der Ulbricht-Ära 1973 erfolgten Lockerungen auch im künstlerisch-ästhetischen Bereich. Sicher stand noch immer 'die Befriedigung der kulturellen Bedürfnisse der Arbeiterklasse' im Vordergrund, doch so lange man sich nicht dezidiert gegen den Staat verhielt, war vieles möglich, wenn auch unter BEOBACHTUNG. Abgesehen davon, daß jede künstlerische Äußerung, die sich dem volkstümlich-faßlichen entzog, gewissermaßen a priori subversiv war, wurde mit Lust wider den Stachel gelöckt und versucht, Botschaften zwischen die Zeilen zu schreiben. Die ZENSUR zu umgehen erforderte gelegentlich, sich mit der Denkweise der Funktionäre zu beschäftigen, um SCHLUPFLÖCHER zu finden. So entstand vielfach eine POLITISCHE MUSIK besonderer Art. Nur: sich als Gegensatz zur offiziellen Kulturpolitik verstehend, war sie im dialektischen Sinne daran gebunden und nicht wirklich frei. Auch wenn sie außerhalb dieses begrenzten Landes durchaus Beachtung fand. Eine andere, selbstgewählte EINENGUNG sehe ich rückblickend in der Orientierung hauptsächlich an der bundesdeutschen Avantgarde, die der seriellen Kompositionsweise dieser Zeit zuzurechnen ist - also Boulez, Nono, Stockhausen. Dagegen galten Henze und B.A. Zimmermann als etwas angestaubt, Messiaen als zu religiös (man war ja in der Regel Atheist!), Ligeti war ein Sonderfall. An Aufführungen von Barraqué, Grisey, Aperghis oder Scelsi in der DDR entsinne ich mich nicht, auch nicht von Cage, Crumb, Glass oder Reich. Wenn es sie vereinzelt gab, sind sie mir entgangen. Da eröffnete der 'Warschauer Herbst' ein breiteres Spektrum. Gab es eine spezifische DDR-Ästhetik in der Neuen Musik? Ja und Nein. Sicher haben eine ganze Reihe von Werken SINN und WIRKUNG verloren, als ihnen ihr WIDERPART abhanden kam. Doch wenn es wirkliche Kunst war, hat sie heute noch Bestand und erfährt neue DEUTUNG. Wer sich auskennt, sieht vielleicht noch die alten CHIFFREN. Doch liest jede Zeit die früheren Werke neu. Auf diese Weise ist und bleibt jedes Kunstwerk mit dem heutigen Leben verbunden, auch wenn die Entstehung zurückliegt. --- Ich sprach von der Neuen Musik in Theatern, Konzert- und Opernhäusern - nicht von der Jazz- und Clubszene in der DDR, nicht von Aufführungen unter dem Dach der Kirche, die alle auf ihre Weise am Lack kratzten und Beulen in`s BLECH der offiziellen Verlautbarungen schlugen. Apropos KUNST und LEBEN. Der Text des oben genannte Werkes von Stockhausen bezieht sich auf das 3. Kapitel des Propheten Daniel aus der Bibel. Dort werden 3 junge Männer in den Feuerofen geworfen weil sie sich weigerten, das goldene Standbild des Königs Nebukadnezar anzubeten. So ist die Textwahl Stockhausens sicher auch von seinen Erfahrungen als Jugendlicher in der Nazizeit geprägt. Und vor ein paar Jahren war zu lesen vom Euthanasie-Tod seiner Mutter Gertrud in einer berüchtigten Anstalt, als Karlheinz 11 Jahre alt war... Ich denke, Kunst hat keine 'Aufgabe', wohl aber eine FUNKTION in der Gesellschaft. Die kann sie nur erfüllen, wenn sie als Kunst bei sich bleibt - selbst im Agit-Prop. Auch wenn sie zunächst sich selbst genügt, will sie entdeckt und geborgen werden, wie eine FLASCHENPOST.
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